Eine Erfahrung, die jeden weiterbringt

Hohe Abbruchraten, Personalmangel in Pflege- und Sozialberufen oder ein verpflichtender Dienst: Über Freiwilligendienste und die Arbeit im Sozialbereich wird derzeit viel diskutiert. Im Interview sprechen ISA-Klient Nils Stollenwerk (20) und ISA-Mitarbeiterin Franziska Mayer (23) über ihre Erfahrungen mit FSJ und BFD – und warum sich Freiwilligendienste lohnen. 

Laut Medienberichten liegt die Abbruch-Rate beim Bundesfreiwilligendienst bei rund 32 Prozent…

Nils: Meine Assistenten haben ihren Sozialdienst bisher immer durchgezogen, meine Stelle ist ja auch eine besonders coole (lacht). Nur in der dritten Klasse hatte ich mal einen Freiwilligendienstleistenden, der hat abgebrochen. Allerdings wurde ihm auch geraten, sich etwas anderes zu suchen.

Franziska: Während meines BFD habe ich nie an einen Abbruch gedacht. Grundsätzlich habe ich bei den Jüngeren das Gefühl, dass immer weniger einen Freiwilligendienst machen wollen. Ich finde das schade, weil den Menschen viel entgeht. Heutzutage muss alles sehr schnell gehen: Schule fertig, ab in die Uni und mit 20 hat man einen Bachelor, ist aber noch gar nicht richtig erwachsen. Nach dem Schulabschluss soll man auf einmal wissen, was man werden und sein gesamtes Leben machen will. Das ist eine krasse Frage, die man sich dann stellt. Da gibt es nichts Besseres, als sich erstmal ein Jahr lang die Zeit zu nehmen, um zu sich selbst zu finden.

Nils: Außerdem bekommt man einen Einblick in einen geregelten Arbeitsalltag mit 39 Stunden in der Woche. Da merkt man später, sollte man nach dem FSJ oder BFD anfangen zu studieren, wie entspannt Uni ist, und kann sein Studium ganz anders genießen.

“Sich selbst zu beweisen, dass nach einem Motivationstief auch wieder bessere Zeiten kommen, ist eine wertvolle Erfahrung.” – Nils hat selbst ein FSJ absolviert (Foto: Nils Müller).

Welche guten Gründe gibt es, trotz Zweifel weiterzumachen?

Franziska: Es macht einen stolz, wenn man es durchgezogen hat. Außerdem sieht es später bei Bewerbungen gut aus. Bei mir war es total wichtig, dass ich es gemacht hab, weil ich jetzt im sozialen Bereich studiere. Es macht ja auch Freude und ist befriedigend, sich sozial zu engagieren und somit auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Nils: Ja, man lernt, dass nicht immer alles Spaß machen kann und man es trotzdem bewerkstelligen muss. Ich hatte im letzten Drittel meines eigenen Freiwilligendienstes auch ein Tief, wo ich keine Lust mehr hatte. Da dachte ich mir: „Krass, das ist ja bald zu Ende. Warum bin ich jetzt unmotiviert, ich kann ja auch im Endspurt nochmal Gas geben.“ Sich selbst zu beweisen, dass nach einem Motivationstief auch wieder bessere Zeiten kommen, ist eine wertvolle Erfahrung.

In Berichten über Menschen, die ihren Freiwilligendienst abgebrochen haben, heißt es oft, sie hätten nicht das Gefühl, gebraucht zu werden, der Dienst sei langweilig und viele Aufgaben sinnlos – wie empfindet Ihr das bei der ISA?

Franziska: Das ist bei der ISA nicht der Fall. Jeder Assistenznehmer ist unterschiedlich und ich war auch schon bei Menschen im Einsatz, bei denen ich mir phasenweise die Zeit vertreiben musste, weil sie so eigenständig waren. Sie brauchten zwar unbedingt eine Assistenzkraft in der Nähe, weil jederzeit eine Handreichung nötig werden konnte, aber es war keine permanente Aktivität erforderlich. Diese “Leerlaufzeiten” kann man auch sinnvoll nutzen, zum Beispiel indem man Hausarbeiten für die Uni bearbeitet.

Nils: Ich hatte mal einen FSJler, für den es ein großes Problem war, mit solchen Leerlaufzeiten umzugehen. Außerhalb der Schullektüre hatte der nie Bücher gelesen und hat dann damit angefangen, weil ich ihm zum Zeitvertreib Bücher in die Hand gedrückt habe. Das war cool für ihn, weil er den Lesespaß für sich entdecken konnte.

Franziska ist der AWO nach ihrem Freiwilligendienst erhalten geblieben und arbeitet neben ihrem Studium in der ISA (Foto: Nils Müller).

Was ist denn das Besondere an der ISA?

Franziska: Zum einen kenne ich kaum einen Job, der so flexibel ist. Auf der anderen Seite macht es auch einfach Spaß. Ich habe das Glück, Klienten zu haben, mit denen ich auch befreundet bin und privat Dinge unternehme – und was gibt es besseres, als wenn ich dafür bezahlt werde, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich sehr gerne mag?

Nils: Tatsächlich ist es oft so, dass man Freunde wird. Auch, wenn ich nicht den Anspruch habe, dass aus einer Assistenz eine Freundschaft entstehen muss. Aber da man so viel Zeit miteinander verbringt, viele Aktivitäten miteinander plant und ich die Assistenzkräfte auch in meinen Freundeskreis mitnehme, entstehen Freundschaften – die auch über den Freiwilligendienst hinaus anhalten: Mit vielen ehemaligen Freiwilligendienstleistenden von vor fünf, sechs Jahren habe ich nach wie vor Kontakt, mit einem bin ich letztens auch in den Urlaub gefahren.

Im Moment wird über einen verpflichtenden Sozialdienst diskutiert – was haltet Ihr davon?

Nils: Ich finde, jeder sollte einen Sozialdienst leisten, weil es jedem etwas bringt. Es sollte aber kein Zwang sein. Ich hätte keine Lust, einen Assistenten zu haben, der eigentlich keinen Bock hat. Das macht dann niemandem Spaß, weder dem Klienten noch dem Assistenten.

Franziska: Ich habe da gemischte Gefühle, schließlich gibt es immer weniger FSJler und BFDler. Wenn man Menschen zu einem Sozialdienst verpflichtet, sitzen die womöglich nur schlechtgelaunt ihre Zeit ab. Auf der anderen Seite hat es beim Zivildienst früher auch funktioniert. Ich kenne Assistenznehmer, die wurden damals von Zivis betreut. Sie meinen, es sei anfangs schon manchmal etwas schwer gewesen, aber fast alle hätten die Zeit dann doch sehr schätzen gelernt und gemerkt, viel sie ihnen gegeben hat. In meinen Augen wirkt für viele ein Freiwilligendienst auf vielen Ebenen zu unattraktiv und da müsste man ansetzen. Schließlich bringt so eine Erfahrung jedem etwas für die eigene Entwicklung.

 

Franziska Mayer ist seit 2013 bei der ISA. Nach ihrem Bundesfreiwilligendienst ist sie der AWO als Mitarbeiterin erhalten geblieben: Neben ihrem Studium der Heilpädagogik arbeitet sie als ISA-Assistentin.

Nils Stollenwerk wird seit dem Grundschulalter von der ISA betreut. Er studiert Politik und Deutsch auf Lehramt und hat nach seinem Abi selbst ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert.